nein sagen - abgrenzen

Wenn du den Test zur Einschätzung der eigenen Empathie gemacht hast, weißt du, ob du eher zu den empathischen oder eher zu den weniger einfühlsamen Menschen gehörst. Auf der hier geöffneten Seite soll es um diejenigen Menschen gehen, die über besonders viel Empathie verfügen. Dabei soll der Blick neben den unbestrittenen Vorteilen auch auf die Nachteile geworfen werden. Manche empathischen Menschen können sich schwer abgrenzen. Auch das „nein sagen“ fällt nicht jedem leicht.

Sich abgrenzen können – nein sagen

„Empathisch zu sein“ ist eine wundervolle Eigenschaft und im Prinzip kann gar nicht genug davon im eigenen System verankert sein. Das Mitgefühl für andere und die daraus resultierende Bereitschaft, sich in die Stimmungen anderer Menschen hineinzuversetzen, ist eine wundervolle Gabe. Der einzige Haken an der Geschichte ist, dass sehr empathische Menschen oft die Emotionen ihrer Mitmenschen eben nicht nur mitfühlen, sondern quasi mit erleiden – es fällt ihnen extrem schwer, sich abzugrenzen.

Ein mitfühlendes Herz ist eine gesundes Herz, ein mitleidendes Herz verletzt sich selbst!

Wenn du zu den empathischen Menschen gehörst, die jegliche Schwingung ihres Gegenübers aufnehmen, ohne sich zu schützen, dann tust du weder dir noch dem Anderen einen Gefallen. Offene Menschen, denn das sind empathische Menschen, müssen zwischen Mitgefühl und Mitleid unterscheiden lernen. Nur so können sie sich selbst schützen und trotzdem ihren Mitmenschen einen Raum geben, in dem sie sich zeigen dürfen. Im heilenden Feld des Mitgefühls können keine energetischen Übergriffe auf die eigene Person stattfinden.

Empathie ist eine unerlässliche Größe in unserer Gesellschaft. Ohne Empathie wäre ein Zusammenleben nicht möglich. Wir Menschen würden emotional verhungern. Da diese Eigenschaft bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt oder vielleicht kaum oder gar nicht vorhanden ist, gibt es im zwischenmenschlichen Bereich natürlich auch „Schmarotzer“ auf diesem Gebiet, die sehr empathischen Menschen im wahrsten Sinne des Wortes die Energien rauben können. Lernen die Betroffenen dann nicht, sich rechtzeitig abzugrenzen, empfinden sie die Situation als belastend. Das kann sogar soweit gehen, dass diese Menschen aufgrund ihrer grenzenlosen Empathie krank werden. Abgrenzen will jedoch gelernt sein, denn oft ist so, dass gerade Freunde oder die Familie, die „Dünnhäutigkeit“ der empathischen Person ausnutzen. Das tun sie nicht mit Absicht, sie spüren einfach nur, dass da jemand ist, bei dem sie abladen können. Nun sind empathische Menschen aber keine Abladestationen, sondern einfach nur sehr einfühlsame Lebewesen. Deswegen müssen sie selbst dafür sorgen, dass Stimmungen, die nicht zu ihnen gehören, nicht automatisch auf sie überschwappen. Sie können sich nicht darauf verlassen, dass ihre Mitmenschen merken, wenn sie Grenzen übertreten.

Die eigenen Empfindungen gehören uns, die Empfindungen der Anderen gehören den Anderen!

Jeder Mensch auf diesem Planeten hat seine eigene Last zu tragen. Damit sind sowohl die materiellen Lasten als auch die geistigen Lasten gemeint. Gefühle aller Art, Probleme, ja, einfach gute und schlechte Zeiten, sind Teile unseres menschlichen Daseins. Wir müssen mit ihnen leben lernen, aber wir können uns gegenseitig bei ihrer Bewältigung unterstützen. Dennoch sollten wir uns alle darüber klar sein, dass es keinen Sinn macht, die Päckchen der Anderen zu übernehmen. Deswegen, weil es sich dabei meist um Lernaufgaben handelt, die von niemandem sonst übernommen oder gelöst werden können, außer gerade von dieser einen Person. Sich in das gerade ablaufende Programm eines Mitmenschen hineinversetzen zu können, ist vielleicht sogar Teil der eigenen Lebens- bzw. Lernaufgabe. Vielleicht sollen gerade diese extrem empathischen Menschen lernen, ihre persönlichen Grenzen zu setzen. Übernimmt man nämlich die negativen Stimmungen anderer Menschen, fällt man aus seiner Mitte, man steht nicht mehr fest auf dem Boden und kann demnach auch nicht helfen. Für hochsensible Menschen gilt dies oft im Besonderen.

Stop - nein sagen

Nein sagen ist gar nicht so schwer!

Sehr empathische Menschen tragen einen unermesslichen Schatz in sich. Sie sagen „ja“ zum Leben! Nur allzu oft vergessen sie dabei, dass eben auch ein „nein“ zum Leben gehört! Damit ist auch gemeint, dass sie sich nicht um alle Belange oder Sorgen ihrer Mitmenschen kümmern müssen. Jeder Mensch kann immer wieder neu entscheiden, ob er sich kümmern möchte oder nicht. Empathischen Menschen ist nämlich genau diese Eigenschaft zu eigen, sie können fremde Gefühle super erspüren. Doch bevor sie das tun, sollten sie erst einmal in ihren eigenen Tiefen erfühlen, ob diese Anteilnahme überhaupt gut und richtig ist. Das ist ein immens wichtiger, innerer Prozess, weil jede Anteilnahme auch einen Eingriff auf energetischer Ebene darstellt und für das aktuelle Gegenüber vielleicht gar nicht so gut ist. Blickt man aus spiritueller Sicht darauf, könnte man davon ausgehen, dass jeder Mensch stark genug ist, seinen Weg zu gehen und dass unerlaubte Hilfestellungen den Lösungsweg des Anderen dann eher behindern als voranbringen. Empathie ist für alle Menschen, die in heilenden oder helfenden Berufen tätig sind, eine unabdingbare Voraussetzung. Ohne Einfühlungsvermögen ist eine solche Berufung nicht zu erbringen! Sie können aber nur dann helfen, wenn Sie den Patienten oder Klienten mit einem Abstand betrachten, weil sie sonst zu Gefangenen ihrer Gefühle werden.

Außerdem – wenn du, als empathisches Wesen, die Stimmungen deiner Mitmenschen in dein eigenes System mit übernimmst, ist es schlicht und ergreifend überfordert. Es kommt einer Müllhalde gleich, auf der jeder Vorbeikommende seinen „Seelenabfall“ entsorgt. Alle Menschen, jedoch insbesondere empathische Menschen, sollten in sich und um sich herum für einen sauberen, energetischen Raum sorgen. Das ist nicht immer ganz einfach und so kann man es auch einmal mit unkonventionellen Methoden versuchen. Eine davon ist das Imaginieren einer Schutzhülle oder eines Schutzkreises. Mache es so wie früher, als du noch ein Kind warst – zeichne mit einem Stock einen Kreis um dich herum! Das wirkt Wunder, auch wenn du es nur in Gedanken tust. Das geht auch in der heißen Phase ganz schnell und keiner muss es merken. Vielleicht spürst du gleich den Unterschied, weil die Fremdstimmungen nicht mehr eindringen können. Der Kreis zeigt deine innere und auch äußerliche Grenze auf: „Bis hierher und keinen Schritt weiter!“ Die zusätzliche Vorstellung der Farbe Blau verstärkt das Ritual.

Nein sagen lernen – Ein paar Tipps:

Nein sagen lernen, dazu gibt es viele Tipps. Einige habe ich hier zusammengetragen:

Ein neuer Reflex: Bedenkzeit einfordern

Versuche, auf Bitten und Anfragen nicht sofort zu antworten. Gewöhne dir an, eine Bedenkzeit zu nehmen. Halte den vermeintlichen Druck der Situation aus und sage deinem Gesprächspartner stattdessen: „ich melde mich nachher mit einer Antwort bei dir“. Du kannst dies mit Ausreden verknüpfen („ich muss erst noch in meinen Kalender schauen“ oder „eigentlich habe ich gerade xy zu tun“). Der ehrlichere Weg – und damit der Weg der näher bei dir ist – liegt darin begründet, zu der Bedenkzeit zu stehen. Was soll auch geschehen? Sollte dir dein Gegenüber böse sein, wenn du nicht gleich aufspringst? In den allermeisten Fällen ist es legitim, wenn du kurz darüber nachdenken möchtest. Sonst wäre die Bitte oder Anfrage an dich nicht offen, sondern unfrei und wenig fair. Oft wird die sofortige Zusage reflexhaft ausgesprochen und kann dann schwer wieder eingefangen werden. Übe den Reflex ein, auf alle Fragen mit einem „ich melde mich nachher“ zu antworten. Kehre den Spieß um, konditioniere dich neu.

Für und Wider erarbeiten – und auf den Bauch hören

Nutze die Bedenkzeit. Beantworte dir ehrlich die Fragen, wie du zu dem Bittenden stehst, wie dringend sein Anliegen ist und ob er es gleichermaßen alleine lösen könnte. Schaue dabei auch auf deine eigenen Belange. Wie sehr würde dich die Zusage belasten? Welche eigenen Interessen bleiben auf der Strecke? Mit welchem Aufwand ist es für dich verbunden? Du wirst bei dieser Auseinandersetzung ein gutes Gefühl dafür entwickeln, ob du die Anfrage bejahen oder eigentlich lieber ablehnen würdest. Im letzteren Fall hast du sogleich die richtigen Argumente gefunden, die du deinem Gesprächspartner bei der Ablehnung seiner Anfrage mitteilen kannst („tut mir sehr leid, aber ich möchte meinen einzigen freien Abend in dieser Woche gerne mit meinem Partner verbringen“).

Konsequenzen prüfen

Prüfe, welche Konsequenzen das nein sagen hätte. Damit ist die Frage verbunden, warum es dir überhaupt so schwer fällt, nein zu sagen. Was könnte denn schlimmstenfalls passieren? Hast du Angst davor, dass dein Gegenüber dich dann nicht mehr mag? In diesem Fall solltest du die Beziehung ohnehin kritisch beäugen. Mit der Abhängigkeit davon, dass du allen Bitten bedingungslos nachkommst, läufst du Gefahr, von anderen ausgenutzt zu werden. Eine Person, die wirklich an dir interessiert ist und denen du etwas bedeutest, wird es eher zu schätzen wissen, wenn du deine eigenen Grenzen kennst und eigene Bedürfnisse auch benennst. Einem wohlwollenden Gesprächspartner wäre nicht daran gelegen, Wünsche auf deinem Rücken auszutragen. Vielleicht liegt deine Tendenz zu schnellen Zusage auch in deinem Wesen begründet. Vielleicht kommt ein „Helfersyndrom“ in Betracht, dessen Ursprung du beizeiten ergründen könntest? In diesem Fall wirst du auch spüren, dass du mit deiner Hilfsbereitschaft irgendwann ausbrennen könntest. Soweit du feststellst, dass dir keine uneinholbaren Nachteile drohen (etwa im Berufsleben), dass du Gefahr läufst ausgenutzt zu werden oder deine Hilfsbereitschaft über ein gesundes Maß hinaus geht, traue dich öfter nein zu sagen.

Wenn du dir über die oben genannten Punkte klar geworden bist, ist der Boden zum nein sagen bereitet. Halte dir noch einmal vor Augen, dass auch du wichtig bist. Für dich selbst sogar der Wichtigste. Soweit du ein sozialer und hilfsbereiter Mensch bist halte dir noch einmal vor Augen: Wenn du selbst nicht mit deinen Ressourcen haushaltest und für dich sorgst, kannst du irgendwann auch keinem anderen mehr helfen.

Nein sagen geht auch freundlich

Wenn du deinem Gesprächspartner auf seine Bitte hin nein sagst, kannst du dies dennoch verständnisvoll und verständlich tun. Zeige ihm, dass du seine Not erkennst. Erläutere mit wenigen Worten, dass du derzeit dennoch nicht helfen möchtest, aus Gründen die du während deiner Bedenkzeit erarbeitet hast. Versuche nach Möglichkeit einen gütlichen Abschluss zu finden, indem du deinen Gesprächspartner etwa ermutigst, bei nächster Gelegenheit noch einmal zu fragen oder ihm alternative Lösungsmöglichkeiten vorschlägst.

Die eigene Empathie annehmen und heilbringend damit umgehen

Empathische Menschen nehmen nicht nur negative Schwingungen auf, sondern auch positive. Sie spüren deutlich, wenn sich jemand wohlfühlt und glücklich ist. Mit ihren weichen und sensiblen Antennen fühlen sie die Vibrationen, die das Feld aussendet. Dieses Phänomen betrifft nicht alleine die Ausstrahlung von Lebewesen, sondern auch die Atmosphäre von Räumen oder anderen Strukturen. Das Einfühlungsvermögen ist oft so groß, dass es mit der persönlichen Wahrnehmung verschmilzt.

Empathie ist ein wunderbarer Charakterzug, ein Geschenk der Schöpfung! Es macht also keinen Sinn, die eigene Empathie unterdrücken zu wollen, weil man sich ihr ausgeliefert fühlt. Heiße sie willkommen, sie gehört zu dir! Die Pflege eines empathischen Umgangs mit sich selbst, das liebende Erfühlen des eigenen Systems – wie geht es mir? – ist eine Grundvoraussetzung für die Annahme des Selbst. Haben empathische Menschen erst einmal gelernt, sich selbst mitsamt ihrer Empathie zu lieben, dann werden sie diese ausschließlich als heilbringend begrüßen.